Who cares??? Wer macht’s – Wen kümmert’s – Wer bezahlt’s?

Stellungnahme des Fachausschusses Sozial- und Beschäftigungspolitik vom 15. April 2016

 

A. Präambel

Care Arbeit, Sorgearbeit oder reproduktive Arbeit lässt sich als personennahe fürsorgende Dienstleistung definieren, die sowohl bezahlt als auch unbezahlt erfolgen kann. Sie ist durch ein Abhängigkeitsverhältnis von Empfängerinnen und Empfängern gegenüber Erbringerinnen und Erbringern gekennzeichnet. Eine weitere Besonderheit ist, dass für die Arbeit eine emotionale Komponente unerlässlich sowie die aufgewendete Zeit an sich ein Teil der Tätigkeit ist.1 Care Arbeit ist für die Gesellschaft unerlässlich.

Sie wird überwiegend von Frauen, oft im Schatten oder am Rande formeller Arbeit erbracht und nicht ausreichend wahrgenommen. Das gilt sowohl für die gesellschaftliche, politische als auch für die volkswirtschaftliche Betrachtung. Weder der soziale Zusammenhalt noch die Wirtschaft würden ohne Care Arbeit funktionieren. Selbst innerhalb der frauendominierten Care Arbeit zeigt sich eine unterschiedliche Verteilung der Aufgaben zwischen Frauen und Männern. Die Unterschiede schlagen sich in Bezahlung, Ausbildung und Wertschätzung formeller und informeller Care Arbeit nieder.

Unbezahlte Care Arbeit wird zu ca. 70 – 75 Prozent für arbeitsfähige Erwachsene und „nur“ zu ca. 20 – 25 Prozent für Kinder und kranke/betreuungsbedürftige Erwachsene geleistet.2 Die bezahlte und unbezahlte Care Arbeit ist jeweils Bestandteil der bezahlten bzw. unbezahlten Arbeit.

Herausforderungen wie demografischer Wandel, veränderte gesellschaftliche Lebensbedin-gungen und Zunahme der Erwerbstätigkeit von Frauen führen dazu, dass sich Art und Umfang der Care Arbeit deutlich verändern. Dabei sind wechselseitige Verschiebungen zwischen der informellen und der formalen Care Arbeit zu beobachten. In diversen Bereichen der formalen Care Arbeit sind steigende gesundheitliche Belastungen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, steigende Bildungs- und Berufsanforderungen bei gleichzeitig unzureichender Bezahlung zu beobachten. Nachdem Produktivitätssteigerungen im herkömmlichen Sinn im Sorgebereich nur sehr begrenzt möglich sind, werden teilweise professionelle Sorgeleistungen zurückgefahren. Diese werden wieder den privaten Haushalten zugeordnet, da die finanzielle Ausstattung des Care Bereichs nicht ausreichend ist. Care Arbeit unterliegt daher einem Wandel, der durch unterschiedliche Anforderungen und unzureichende Finanzierung ausgelöst wurde. Hier müssen Antworten gefunden werden. Sorgearbeit ist kein individuelles Problem, für das eine individuelle Lösung gefunden werden muss, sondern es werden gesellschaftliche und politische Lösungsansätze benötigt.

 

B. Aktuelle Situation

Struktur der Arbeitszeit
Zwischen den Jahren 1991 und 2013 wurden vom Statistischen Bundesamt lediglich drei Zeitverwendungserhebungen durchgeführt, die eine Abschätzung des Umfangs der unbezahlten Arbeit ermöglichen.3 Daraus ergibt sich, dass noch immer die Arbeitszeit von Frauen zu zwei Dritteln aus unbezahlter Arbeit und nur zu einem Drittel aus Erwerbsarbeit besteht, während bei den Männern der Anteil der Erwerbsarbeit etwas mehr als die Hälfte (55 Prozent) und die unbezahlte Arbeit etwas weniger als die Hälfte (45 Prozent) umfasst.4

 Grafik _who Cares_

 Wie hoch der Anteil von Care Arbeit an der unbezahlten Arbeit ist, ist für Deutschland nicht erfasst und kann aus den vorliegenden Daten auch nicht ermittelt werden.

Arbeitsvolumen
2001 betrug der Gesamtumfang aller unbezahlten Arbeiten in Deutschland 96 Mrd. Stunden und war damit fast doppelt so umfangreich wie die Erwerbsarbeit mit 56 Mrd. Stunden.

Arbeitswert
Betrachtet man den Wert der unbezahlten Care Arbeit, so machte sie im Jahr 2001 vom Gesamtwert der Haushaltsproduktion5 61 Prozent aus (1992 waren es noch 66 Prozent).

Bezogen auf die gesamte Wirtschaftsleistung in Deutschland ist der Anteil unbezahlter Care Arbeit beachtlich. So betrug 2001 die gesamte Wirtschaftsleistung einschließlich Haushaltsproduktion 2.786 Mrd. Euro, die Bruttowertschöpfung der Haushaltsproduktion machte davon 820 Mrd. Euro aus, das entspricht 29 Prozent. Auch wenn die schon im Bruttoinlandsprodukt (BIP) erfasste Haushaltsproduktion in Höhe von 102 Mrd. Euro berücksichtigt wird, entsprach die Bruttowertschöpfung der Haushalte in Höhe von 718 Mrd. Euro derjenigen der deutschen Industrie und der Bereiche Handel, Gastgewerbe und Verkehr zusammen.6 Das belegt deutlich, dass die Bruttowertschöpfung der privaten Haushalte Gewicht hat. Dabei nicht berücksichtigt ist die gesellschaftliche Bedeutung der Haus- und Familienarbeit.

 

C. Folgerungen

Die Zahlen belegen, dass die unbezahlte Arbeit der Frauen fast zwei Drittel ihrer Arbeitszeit ausmachen.7 Sie belegen ebenfalls, dass die unbezahlte Arbeit der privaten Haushalte 26 Prozent der gesamten Wertschöpfung ausmacht, bezogen auf das BIP sind es sogar 34 Prozent.
Care Arbeit ist überwiegend Frauenarbeit, unabhängig davon, ob sie bezahlt oder unbezahlt geleistet wird.
Bezahlte Care Arbeit ist im Verhältnis zu männerdominierten Berufen nicht angemessen bezahlt und oft von emotional und körperlich anspruchsvollen Anforderungen gekennzeichnet.
Sowohl die bezahlte als auch die unbezahlte Care Arbeit werden von der Gesellschaft nicht ausreichend geschätzt und gewürdigt.
Der Bedarf an Care Arbeit wird aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen in den nächsten Jahren stark zunehmen.
Care Arbeit stellt einen großen Teil des Wirtschaftens dar und muss deshalb entsprechend thematisiert werden, da es kaum Daten und wissenschaftliche Untersuchungen zur Care Arbeit gibt. Es fehlen Handlungsempfehlungen und langfristige Strategien.

 

D. Forderungen

  1. Sichtbarmachung der Wertschöpfung der unbezahlten Care Arbeit in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung bzw. in einem ergänzenden System, um die unbezahlte Arbeit aus dem Schattenbereich zu holen und so die gesamte volkswirtschaftliche Wertschöpfung darzustellen.
  2. Regelmäßige statistische Erhebungen und wissenschaftliche Untersuchungen zur bezahlten und unbezahlten Care Arbeit in Bayern.
  3. Rahmenbedingungen schaffen für eine gerechte Aufteilung der Care Arbeit zwischen Männern und Frauen, z. B. bei der Elternzeit.
  4. Gute Arbeitsbedingungen in der Care Arbeit und angemessene Entlohnung in der bezahlten Care Arbeit.
  5. Bereitstellung guter Infrastruktur, die Care Arbeit unterstützt und ermöglicht, wie z. B. Kinderbetreuung und Sozialzentren.

 

1Dossier der Heinrich Böll Stiftung, Gunda Werner Institut: Care Arbeit und Care Ökonomie: Konzepte zu besserem Arbeiten und Leben? 2011 www.gwi-boell.de

2Mascha Madörin efas-Jahrestagung 24-25.11.2011 Wirtschaftliche Zukunftsfragen aus der Sicht der Care Ökonomie, Zahlen beziehen sich auf die Schweiz

3(Statistisches Bundesamt, Die Zeitverwendung der Bevölkerung in Deutschland 2001/2002 und Zeitverwendungserhebung 2012/2013)

4Im Vergleich zur Erhebung von 2002/2003 hat sich allerdings die Situation verbessert. Damals machte die unbezahlte Arbeit der Frauen 73 Prozent aus, die der Männer 48 Prozent.

5Haushaltsproduktion ist die unbezahlte Erstellung von Gütern und Dienstleistungen durch Mitglieder der privaten Haushalte (auch Nachbarschaftshilfe, ehrenamtliche Tätigkeit in Ver-einen u. ä.) zur Deckung eigener Bedürfnisse.

6Dieter Schäfer, Unbezahlte Arbeit und Bruttoinlandsprodukt 1992 und 2001, Statistisches Bundesamt, Wirtschaft und Statistik 6/2004 960 - 978

7Statistisches Bundesamt 2015: Wie die Zeit vergeht. Ergebnisse zur Zeitverwendung in Dtld 2012/13, S.7

8Dieter Schäfer, Unbezahlte Arbeit und Bruttoinlandsprodukt 1992 und 2001, Statistisches Bundesamt, Wirtschaft und Statistik 6/2004 960 - 978


 

Der Bayerische Landesfrauenrat - Die Stimme der Frauen in Bayern
Postkarte zu den Wahlen

Die Wahlpostkarte ist eine gemeinsame Aktion der Landesfrauenräte Deutschlands. Bestellungen nehmen wir gerne entgegen.

Wahlpostkarte

Webportal "Wege aus der Gewalt für Frauen und Mädchen mit und ohne Behinderung"

Das Internetportal "Wege aus der Gewalt" des Paritätischen Bayern bietet betroffenen Frauen und Mädchen - mit und ohne Behinderung - Informationen zum Thema Gewalt.

Homepage Wege aus der Gewalt

Bayerischer Landesfrauenrat beim Wertebündnis Bayern

Wir sind dabei! Der BayLFR ist jetzt Partner des Wertebündnis Bayern.

Homepage Wertebündnis

Besuchen Sie uns bei Facebook
Aktionsbündnis "Parité in den Parlamenten"

Der Bayerische Landesfrauenrat ist Kooperationspartner des Aktionsbündnisses, das am 30. November 2016 Popularklage beim Bayerischen Verfassungsgerichtshof erhoben hat.

Klageerhebung beim VGH

GENDER . ismus?

Was sich hinter den neuen Angriffen gegen Geschlechtergerechtigkeit und Vielfalt verbirgt und wie Sie damit umgehen können.

Flyer herunterladen

Videoclip "Flucht ist auch weiblich" des KDFB

Der Film "Flucht ist auch weiblich" - produziert vom Kompetenzforum "Eine Welt" des Bayerischen Landesverbandes des Katholischen Deutschen Frauenbundes ‑ legt besonderes Augenmerk auf frauenspezifische Fluchtursachen wie sexualisierte Gewalt und Folter sowie Sorge vor Beschneidung der Töchter. Asylbewerberinnen kommen, soweit möglich, selbst zu Wort.

Videoclip ansehen

Gegen Frauenfeindlichkeit, Diskriminierung und Sexismus in Werbung und Medien

Kartenaktion zum 100. Internationalen Weltfrauentag

Karte mit Beschwerde-Adressen

Pinkstinks Deutschland

Pinkstinks ist eine junge Protestorganisation, die gegen Produkte, Werbe- und Medieninhalte agiert, die Kindern eine limitierende Geschlechterrolle zuweisen. Die „Pinkifizierung“ trifft Mädchen und Jungen gleichermaßen – Pinkstinks wirkt diesem Trend entgegen. Mit Theaterarbeit an Schulen, Vorträgen, Kampagnen gegen Germany’s next Topmodel und sexistischer Werbung sowie durch Gespräche mit der Politik.

Pinkstinks

Deutscher Frauenrat

Als Dachorganisation frauen­poli­tisch­er Inter­es­sen sieht sich der DF in der Tra­di­tion des 1894 ge­grün­det­en »Bundes Deutsch­er Frau­en­ver­eine« (BDF).

frauenrat.de