Geschlechterbildung und Genderperspektiven im Care Bereich

Stellungnahme des Fachausschusses Bildungspolitik vom 17. November 2017

 

A. Präambel

Care bedeutet, dass im rechtlichen, sozialen, ökonomischen Umfeld Sorgearbeit geleistet wird. Gesellschaftliche Organisation von Sorgearbeit berührt nicht nur arbeitsrechtliche und soziale Bereiche, sondern betrifft auch Arbeitsteilung, Geschlechterrollen, Migrationspolitik, Familienbilder und Marktmechanismen.[1]

Care Arbeit oder reproduktive Arbeit, im Gegensatz zu Produktion, wird nach wie vor ungenügend anerkannt und thematisiert, dabei wachsen diese Arbeitsbereiche durch den demografischen Wandel am stärksten. Auch die gesellschaftlichen Veränderungen in den Familienstrukturen tragen dazu bei. Das Festhalten am traditionellen Verständnis von Frauen als für die sozialen, pflegerischen Tätigkeiten geeigneteren Personen in der Kinderbetreuung, in der Familienarbeit und Pflege verhindert eine gerechte Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen.

 

B.1. Ökonomie

Sorgearbeit umfasst Tätigkeiten, die den menschlichen Grundbedürfnissen dienen im privaten wie im beruflichen, dienstleistungsbezogenen Rahmen. Sie kann bezahlt oder unbezahlt erfolgen und beinhaltet ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Erbringern und Empfängern der Dienstleistungen.

Bezahlte Care Leistungen werden z. B. in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Schulen, Verbänden, Kitas und Haushalten erbracht und werden deutlich geringer bezahlt als produktive Arbeiten. Unbezahlte Care Arbeit wird im privaten Bereich überwiegend von Frauen geleistet. Sie geht nicht in das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Deutschlands ein. Care Arbeit wird ausgeblendet im heutigen Wirtschaftssystem, weil es dort vorwiegend um Gewinnmaximierung geht. Die Aufteilung der Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern ist unausgewogen zu Ungunsten der Frauen als unbezahlte Arbeitskräfte.

Frauen leisten 52 Prozent mehr unbezahlte Arbeit, vor allem in Hausarbeit, Kinderbetreuung und Angehörigen Pflege.[2] Der Wert der in Haushalten erbrachten unbezahlten Arbeit wird auf 684 Mrd. Euro geschätzt. Zudem wird die bezahlte Care Arbeit nicht leistungsgerecht und entsprechend der Ausbildung bezahlt. Die Geringschätzung des Care Bereichs macht einen wesentlichen Teil des geschlechterspezifischen Lohnunterschiedes von 27 Prozent aus.[3]

Unbezahlte Care Arbeit der Frauen ermöglicht erst die Voll-Erwerbstätigkeit der Männer und führt für Frauen in Abhängigkeit und zu einem Armutsrisiko. Da die Wertschätzung von Care Arbeit gering gegenüber produktiver Erwerbstätigkeit ist, werden auch die Ressourcen der öffentlichen Hand ungleich verteilt. Inzwischen gibt es eine Debatte zum Thema Gender Budgeting der öffentlichen Haushalte und deren Umsetzung.[4] Im Sprachgebrauch der UNO versteht man unter Gender Budgeting eine gendergerechte Haushaltsplanung, Aufstellung und Durchführung von öffentlichen Haushalten mit dem Ziel einer Gleichstellung der Ressourcenverteilung für Männer und Frauen unter Berücksichtigung der Bedürfnisse von Frauen.[5]

 

B.2. Bildung und Erziehung

Ein entscheidender Einfluss auf die Entwicklung des Geschlechterrollen-verständnisses der Heranwachsenden ist die Tatsache, dass Männer und Frauen die Erziehung übernehmen. Alle Kinder, aber vor allem Kinder von Alleinerziehenden würden davon profitieren, wenn sie Erziehern und Lehrern begegnen. In Kinder-tagesstätten und Grundschulen sind fast ausschließlich Frauen beschäftigt.
Eine gendersensible Unterrichtsgestaltung findet in den Schulen zu wenig statt. Die Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung (ALP) in Dillingen bietet eine gezielte Fortbildung im Bereich gendersensible Förderung im Fachunterricht für alle Schularten an. Darüber hinaus wurde an der Akademie ein Genderportal als Instrument der Information und Fortbildung der Lehrkräfte entwickelt. Dieses Genderportal wird sämtliche Bereiche der Genderpädagogik abdecken. Es umfasst Basis- und Handlungswissen, Unterrichtsgestaltung und Praxisbeispiele bis hin zur Möglichkeit des Erwerbs von Basis- und Expertenzertifikaten. Die Vermittlung von Care Kompetenzen, wie z. B. hauswirtschaftliche Bildung für beide Geschlechter, werden heute allerdings nicht mehr ausreichend vermittelt.

In Art. 126 der Bayerischen Verfassung heißt es: „In persönlichen Erziehungsfragen gibt der Wille der Eltern den Ausschlag.“ Die Sozialisierung innerhalb der Familie spielt deshalb eine prägende Rolle für ein geschlechtersensibles Rollenverständnis im späteren Leben.
Größeren Einfluss bei Kindern und Jugendlichen haben Medien, Social Media, Musikvideos und Werbung. Diese benutzen häufig traditionelle Rollenmuster und diskriminieren dadurch Frauen. Geschlechterbildung findet auch in der Sprache statt, z. B. in der Genderlinguistik wie Erzieher/innen oder durch Ersetzen von Maskulina in Feminina.

 

B.3. Sorgearbeit

Mit dem Wandel der Geschlechterordnung werden Pflege, Fürsorge und Hausarbeit neu verteilt. Überwiegend wird die Care Arbeit von Frauen und Migrantinnen aus ärmeren Ländern in den westlichen Industrieländern geleistet. Migrantinnen übernehmen die steigende Nachfrage und geben ihre eigenen Care Verpflichtungen an Großmütter, Schwestern und Schwägerinnen ab. Persönliche Dienstleistungen werden verkauft und gekauft. Frauen sind zu 70 Prozent Hauptpflegepersonen; sie arbeiten in Teilzeit, während Männer vollzeitig beschäftigt sind und nur geringen Anteil an Sorgearbeit leisten.
Ende 2009 waren in Deutschland 2,3 Millionen Menschen pflegebedürftig, bis 2030 wird mit einem Anstieg auf 3,4 Millionen gerechnet. 2009 wurden 1,62 Millionen Pflegebedürftige zu Hause versorgt, davon 1,07 Millionen allein durch Angehörige und 555.000 zusammen mit ambulanten Pflegediensten. Absehbar ist eine große Lücke zwischen Erwerbstätigen und zu versorgenden Pflegebedürftigen. Der Fachkräfte-mangel in den Pflegeberufen ist schon heute vorhanden. Es wird damit gerechnet, dass bis 2025 bis zu 200.000 Pflegekräfte fehlen werden. Neben besserer Bezahlung wird eine Lösung in der gesteuerten Zuwanderung gesehen.[6] Die sogenannten Care Berufe, SAHGE-Berufe (Soziale Arbeit, Haushaltsnahe Dienstleistung, Gesundheit, Pflege und Erziehung) haben aktuell einen Arbeitsmarktanteil von 18 Prozent.[7] Besonders groß ist das Missverhältnis von beruflicher und häuslicher Arbeit zwischen den Geschlechtern, wenn Kinder unter sechs Jahren im Haushalt leben.
Dass Frauen im Beruf häufig zurückstecken, hängt mit der ungleichen Übernahme der Verantwortung für häusliche Arbeit zusammen. Damit verbunden sind erhebliche Auswirkungen auf das Einkommen, die beruflichen Karrierechancen und die Alterssicherung der Frauen.[8]

 

B.4. Gesellschaftliche Veränderung

Bezahlte Hausarbeit trägt zur ökonomischen Wertschöpfung bei. Haushaltsnahe Dienstleistungen spielen eine zunehmend wichtige Rolle in unserer Gesellschaft.
Es mangelt aber an der Durchsetzung legaler Beschäftigung und an Arbeits- und Gesundheitsschutz. Den gesellschaftlichen Wert von Hausarbeit kann man an den dafür zur Verfügung stehenden Mini-Jobs ablesen. Eine Viertelmillion dieser Beschäftigungs-verhältnisse sind offiziell angemeldet, sie erwirtschaften eine Bruttowertschöpfung von über 600 Millionen Euro und erbringen 100 Millionen Euro in die Sozialkassen. Gleichzeitig schätzt man bei der Mini-Jobzentrale, dass etwa vier Millionen Mini-Jobber nicht angemeldet sind.[9]
Familien sind von ausländischen Arbeitskräften abhängig, diese werden als abhängige Familienmitglieder behandelt und nicht als unabhängige Arbeitnehmerinnen, und sind deshalb Personen mit begrenzten Rechten. Sie können z. B. jederzeit entlassen werden.
Care Arbeit wird bis heute nicht als gesellschaftspolitisches zentrales Thema gesehen. Die in der Sorgearbeit Tätigen haben ein Recht auf Existenz sichernde Arbeit, auf Tariflöhne und Arbeitsschutz sowie auf soziale Sicherheit. Immer mehr Frauen sind erwerbstätig, damit sinken die zeitlichen Ressourcen für die bisher unentgeltlich geleistete Haus- und Sorgearbeit.
Wegen der umfassenden Care Tätigkeit in allen Lebenssituationen und ihrer Bedeutung als notwendige und wertvolle Arbeit wird der Begriff „Lebenssorge“ diskutiert.[10]

In Bayern wurde im Herbst 2017 ein Kompetenzzentrum für Hauswirtschaft in Triesdorf eingerichtet. Ziel ist die Verbesserung der Alltagskompetenzen der Menschen mit passgenauen Dienstleistungsangeboten für unterschiedliche Lebenssituationen.[11]

 

C. Forderungen des Bayerischen Landesfrauenrates

  1. Die bezahlte Sorgearbeit ist als gleichwertige Arbeit beim Bruttoinlands-produkt (BIP) aufzunehmen.
  2. Die Sorgearbeit ist besser zu bezahlen (gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit).
  3. Unbezahlte Sorgearbeit ist sozial abzusichern (sozialversicherungs-pflichtige Beschäftigung der in der Hauswirtschaft Tätigen).
  4. Die SAHGE[12] Berufe sind aufzuwerten, Mindeststandards, kostenfreie Erstausbildung und Weiterbildung sind einzuführen.
  5. Einheitliche Qualitätsstandards für haushaltsnahe Dienstleistungen und Betreuung sind zu entwickeln.
  6. Eine qualitativ hochwertige, zugängliche Betreuungs- und Pflegeinfra-struktur ist aufzubauen.
  7. Neue Arbeitszeitmodelle mit Zeit für Care/Lebenssorge sollen entstehen.
  8. Sowohl die Erwerbs- als auch die unbezahlte Sorgearbeit sind partnerschaftlich aufzuteilen, und die Auflösung von Geschlechter-stereotypen ist voranzutreiben.

 

[1] Heinrich Böll Stiftung, Susann Worschech 22.02.2011: Care Arbeit und Care Ökonomie: Konzepte zu besserem Arbeiten und Leben?

[2] Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe: Vortrag „Take Care - Erwerbs- und Sorgearbeit neu gestalten!“ bei Vollversammlung des BayLFR am 04.05.2017

[3] Heinrich Böll Stiftung, Susann Worschech 22.02.2011: Care Arbeit und Care Ökonomie: Konzepte zu besserem Arbeiten und Leben?

[4] 2. Münchener Frauenkonferenz 6.-7.10.2016 „Haushalt fair teilen“

[5] 2. Münchener Frauenkonferenz 6.-7.10.2016 „Haushalt fair teilen“

[6] Care, Migration und Geschlechtergerechtigkeit aus Politik und Zeitgeschichte 07.09.2011 Frauen in Europa: Ursula Apitzsch, Institut für Grundlagen der Geschlechterwissenschaft, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, und Marianne Schmidbaur, Goethezentrum für Frauenstudien und Erforschung der Geschlechterverhältnisse, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main

[7] Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe: Vortrag „Take Care - Erwerbs- und Sorgearbeit neu gestalten!“ bei Vollversammlung des BayLFR am 04.05.2017

[8] Christina Klenner et. al.: „Wer leistet unbezahlte Arbeit? Hausarbeit, Kindererziehung und Pflege im Geschlechtervergleich“, aktuelle Auswertung aus Hans Böckler Stiftung WSI GenderDatenPortal April 2017

[9] „Haushalt ist richtige Arbeit“ Positionspapier Deutscher Frauenrat MGV 2011

[10] Care – ein Tagungsbericht von Cornelia Roth, Evang. Akademie Tutzing 13.06.2015, Vorschlag von Prof. Dr. phil. Barbara Thiessen und Prof. Dr. Paula-Irene Villa

[11] www.stmelf.bayern.de /service/presse/pm/2017/163054/index.php

[12] Soziale Arbeit, Haushaltsnahe Dienstleistung, Gesundheit, Pflege und Erziehung

 

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