Arbeit 4.0 – Einfluss der Digitalisierung auf Arbeitnehmerinnen

Stellungnahme des Fachausschusses Sozial- und Beschäftigungspolitik vom 26. Oktober 2017

1. Einführung

Die Digitalisierung entwickelt sich stetig weiter und hat immer mehr Lebensbereiche erfasst. Während im privaten Bereich noch eine gewisse Gestaltungs- und Wahlfreiheit besteht, schreitet die Digitalisierung der Arbeitswelt immer weiter voran und beeinflusst die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mehr und mehr. Sie bringt massive Veränderungen für die Beschäftigten. Zum Teil sind diese positiv, zum Teil bringen sie aber „Nebenwirkungen“ und Gefahren. In der öffentlichen Diskussion steht die digitale Transformation im industriellen Sektor im Vordergrund. Dennoch ist auch der Dienstleistungs- und Sozialbereich davon betroffen.
 

Arbeit 4.0 – Was ist das?

Arbeit 4.0 wird als Überbegriff für die zunehmende „Zusammenarbeit“ zwischen digitalen Systemen untereinander und zwischen Mensch und Maschine verwendet. Daraus resultieren Veränderungen von Arbeits- und Qualifikationsanforderungen auf der unmittelbaren Arbeitsebene. Mit der zunehmenden Digitalisierung entstehen neue Berufsbilder und neue Arbeitsformen, wie z. B. digitale Plattformen und Crowdworking. Das wird deutliche Auswirkungen auf die Verteilung von Arbeit und auf das gesellschaftliche Miteinander haben, z. B. Wegfall von Routinetätigkeiten, mobiles Arbeiten, Entgrenzung von Arbeit.

 

Arbeit 4.0 - Wer bestimmt was?

Der digitale Wandel führt zur teilweise massiven Veränderung von Arbeitsplätzen, -formen und -verhältnissen, auch in den Segmenten, in denen überwiegend Frauen beschäftigt sind. Eine Eingrenzung auf bestimmte Berufsfelder ist kaum möglich, der Prozess zieht sich durch fast alle Tätigkeiten, allerdings in unterschiedlichem Ausmaß. Es besteht die Vermutung, dass vor allem das mittlere Segment, z. B. die zuarbeitende Sachbearbeitung (Banken[1] und Versicherungen, Personalverwaltung), Sekretariate, Verkauf und Gastronomie betroffen sind. Inwieweit dies für Heil- und Pflegeberufe (Datenverwaltung und Eingabe, Grundpflege, OP) gilt, kann noch nicht eingeschätzt werden. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass Routinetätigkeiten eher von der Digitalisierung betroffen sein werden als Tätigkeiten in kreativen Berufen bzw. solche, die soziale Intelligenz benötigen.

 

2. Frauen sind betroffen

Betrachtet man die "Top 10 der gefährdeten und ungefährdeten Berufe[2]" so zeigt sich, dass bei den gefährdeten Berufen (Büro und Sekretariat, Verkauf, Gastronomie, Bankkaufleute und Buchhaltung) die Hälfte Frauenanteile von 54 bis 83 Prozent haben. Insgesamt arbeiten 8,7 Mio. Menschen in den Top 10 der gefährdeten Berufe. Betrachtet man nur die Berufe mit einem Frauenanteil über 50 Prozent, so sind dort insgesamt 3,87 Mio. Frauen beschäftigt, das sind 44,5 Prozent. Nimmt man die Berufe mit einem Frauenanteil von über 40 Prozent, sind es sogar 4,7 Mio. Frauen bzw. 54 Prozent.
Bei den ungefährdeten Berufen arbeiten insgesamt 4,2 Mio. Menschen in den Top 10. Drei Bereiche (Gesundheits- und Krankenpflege, Betreuung und Erziehung von Kindern, Altenpflege) haben hohe Frauenanteile von 78 bis 88 Prozent. Betrachtet man diese drei Berufe mit einem Frauenanteil über 50 und auch über 40 Prozent, dann arbeiten in diesem Bereich 1,5 Mio. Frauen, das sind 36 Prozent.

 

Top 10 der gefährdeten/ungefährdeten Berufe[3]

171026 Tabelle

Es besteht die Befürchtung, dass Frauen überdurchschnittlich vom potentiellen Beschäftigungsabbau oder vom strukturellen Umbau betroffen sein werden.

 

Nachteil Berufswahl?

Betrachtet man die Top 10 der Ausbildungsberufe getrennt nach Geschlecht, zeigt sich, dass bei den 10 beliebtesten Berufen der Männer drei Berufe (Industriemechaniker, Einzelhandelskaufmann, Fachkraft für Lagerlogistik) gefährdet sind, während es bei den Frauen sechs Berufsbilder (Bürokauffrau, Einzelhandelskauffrau, Verkäuferin, Kauffrau für Bürokommunikation, Fachverkäuferin im Lebensmittelbereich, Bankkauffrau) sind. Eine der Ursachen dafür ist, dass Frauen vor allem in den sogenannten MINT-Berufen unterrepräsentiert sind. Damit besteht die Gefahr, dass Frauen bei unveränderten Prioritäten in der Berufswahl Berufe wählen, die wahrscheinlich eine relativ hohe Beschäftigungs-unsicherheit haben.

 

Vorteil Einkommen?

Beim Einkommen vollzeitbeschäftigter Frauen in Prozent des Einkommens der Männer, ist der Gender Gap bei den ungefährdeten Berufen zwar nicht so groß wie bei den gefährdeten Berufen, allerdings ist das Einkommensniveau in diesen Bereichen auch relativ niedrig.[4]
Arbeit 4.0 wird zu unterschiedlichen Formen der Prekarisierung führen und wahrscheinlich die Einkommensunterschiede verstärken. Hochqualifizierte werden gute Einkommens-chancen haben, während in vielen Bereichen die Qualifikationsanforderungen sinken könnten. Gleichzeitig wird sich der Zugang zur Erwerbsarbeit durch digitale Plattformen verändern, Crowdworking ist nur ein Beispiel dafür. Die arbeitsrechtlichen Grauzonen können zunehmen und der Anteil der Solo-Selbständigen steigen.

 

Vorteil Führung?

Es wird immer wieder darauf hingewiesen, dass Frauen Vorteile durch die Arbeit 4.0 haben, denn zukünftig werden insbesondere kommunikative Fähigkeiten, Empathie und Flexibilität von Führungskräften erwartet. Diese Punkte werden als Stärke und Chancenpotential der Frauen postuliert. Auch wenn mehr Frauen als Männer über ihre Sozialisation diese Fähigkeiten besitzen, werden Frauen nicht in Führungsfunktionen kommen, solange aktuelle Zugangsbarrieren bestehen bleiben. Gleichzeitig muss, damit sich in Führungsgremien das Verhalten ändert, auch eine gewisse "kritische Masse" erreicht werden. Das bedeutet, dass Frauen verstärkt Führungspositionen anstreben müssten. Gleichzeitig müssen die bisherigen männerdominierten Führungsebenen bereit sein, Frauen in diese Positionen zu bringen und die Veränderungen mitzutragen.

 

Vorteil Flexibilisierung?

Die Digitalisierung wird die Flexibilisierung der Arbeit, vor allem bezüglich Ort und Zeit, weiter vorantreiben. Oft benannt als Vorteil für Frauen, da sie dadurch Beruf und Familie besser vereinbaren können. Die Doppel- und Dreifachbelastungen von Frauen werden aber nur in dem Maße reduziert, wie auch Männer die digitalen Flexibilitätsvorteile zugunsten vermehrter Care-Arbeit nutzen und sich damit traditionelle geschlechtsspezifische Muster der Arbeitsteilung immer mehr auflösen. Unklar ist auch, inwieweit die Flexibilisierung unterbrochene Erwerbsbiographien befördert und damit zu Problemen bei der Altersversorgung von Frauen führt.

 

3. Digitalisierung von Arbeit und Gesellschaft

Die digitale Umgestaltung von Arbeit und Gesellschaft ist komplex und birgt Chancen und Risiken. So besteht auf der einen Seite die Chance zu mehr Selbstbestimmung in der Arbeitswelt, auf der anderen Seite die Gefahr der Monopolisierung durch die „Big Player“.
Notwendig ist die politische Steuerung, um die arbeitsrechtlichen Standards an die neuen Entwicklungen anzupassen. Dazu gehören kollektive Regelungen und eine gesetzliche soziale Absicherung für digitale Plattformarbeiten und Mikrojobberinnen und Mikrojobber. Fragen von persönlicher Verfügbarkeit, Zeitsouveränität und Verantwortung müssen (betriebs-)politisch geklärt werden. Sonst schreitet die Spaltung der Arbeitsgesellschaft in wenige hochqualifizierte, gut Verdienende und eine steigende Zahl von prekär Beschäftigten voran.
Die Frage, wie die durch diese Entwicklung entstandenen "Freiräume" verwendet werden, ist eine Entscheidungsfrage und kein Sachzwang. Es geht um Arbeitnehmerrechte, die neu und im Sinne der Beschäftigten und Scheinselbständigen geregelt werden müssen. Dadurch ließe sich verhindern, dass die Schere bei Einkommen und Arbeitsbedingungen immer weiter auseinander geht. Die Auswirkung zunehmender Automatisierung von Arbeits-prozessen und Digitalisierung von Arbeitsabläufen auf die menschliche Arbeit und die Arbeitswelt insgesamt folgt keinem Technikdeterminismus. Am Beispiel Pflege lässt sich dies exemplarisch darstellen: Hier kann Digitalisierung und der Einsatz von Robotern unterstützen und schwere körperliche Arbeit erleichtern. Ob aber die gewonnene Zeit für die Patientinnen und Patienten verwendet oder Pflegepersonal drastisch abgebaut wird und der Gewinn den Unternehmen zufließt, ist kein Automatismus, sondern eine (betriebs-)politische Entscheidung. Daher muss auf der politischen Ebene die Umverteilung der "Produktivitätsgewinne" diskutiert werden.

 

4. Der Bayerische Landesfrauenrat fordert

  1. die Genderforschung zur Auswirkung von Arbeit 4.0 voranzubringen;
  2. die offene, breite gesellschaftliche (Werte-)Diskussion über Arbeit 4.0 zu verstärken;
  3. eine breit gefächerte Angebotspalette, Beratung, Qualifizierung usw. für Arbeitssuchende und Wiedereinsteigerinnen durch die Arbeitsagentur für Arbeit bereitzustellen;
  4. die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber bei der Weiter- und Umqualifizierung in die Verantwortung zu nehmen;
  5. eine gesetzliche Regelung zu schaffen, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen;
  6. freiwerdende personelle Kapazitäten nicht einzusparen, sondern in „Arbeit am Menschen“ bzw. in die Verbesserung der Arbeitsbedingungen umzuwidmen;
  7. den Arbeitsschutz und die Arbeitnehmerrechte zu stärken sowie
  8. die sozialen Absicherungen anzupassen und weiterzuentwickeln.

 

[1] z. B. Bank IT Abteilung vorher 112 Beschäftigte, danach 8, HBS

[2] Arbeit 4.0 – Blind Spot Gender“ / 3. Gender Studies Tagung des DIW Berlin & FES 22. September 2016, Berlin, Dr. Markus Grabka, Genderspezifische Verteilungseffekte der Digitalisierung, Folie 8 ff und eigene Berechnungen

[3] Arbeit 4.0 – Blind Spot Gender“ / 3. Gender Studies Tagung des DIW Berlin & FES 22. September 2016, Berlin, Dr. Markus Grabka, nach Genderspezifische Verteilungseffekte der Digitalisierung, Folie 8, eigene Bearbeitung

[4] s.o. Grabka, Folie 10

Fachgespräch Quer gedacht "Drei Generationen Frauen - in einem Gespräch!" am 14.11.2018
 

Bild Lt-wahl

Die Positionspapiere des Bayerischen Landesfrauenrates

wurden an die zur Wahl zugelassenen Parteien und sonstigen organisierten Wählergruppen mit der Bitte um Äußerung versandt.

Wir haben die Antworten nach deren Eingang gelistet:

 

Der Bayerische Landesfrauenrat - Die Stimme der Frauen in Bayern
Bayerischer Landesfrauenrat beim Wertebündnis Bayern

Wir sind dabei! Der BayLFR ist jetzt Partner des Wertebündnis Bayern.

Homepage Wertebündnis

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Aktionsbündnis "Parité in den Parlamenten"

Der Bayerische Landesfrauenrat ist Kooperationspartner des Aktionsbündnisses.

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