Schule als Ort für Bildung und Erziehung zu einer gendergerechten Gesellschaft

Stellungnahme des Fachausschusses Bildungspolitik
vom 09.10.2013


A. Präambel

Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist im Grundgesetz Art. 3 Abs. 2 vom 23. Mai 1949 und in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen verankert. Der Begriff „Gender“ bezeichnet die gesellschaftlich geprägten und individuell erlernten Geschlechterrollen, die bestimmt sind durch die soziale, kulturelle und wirtschaftliche Organisation einer Gesellschaft sowie durch die jeweils vorherrschenden rechtlichen und ethisch-religiösen Normen und Werte.1 Gendergerechtigkeit ist auch Bildungsgerechtigkeit, die auf einer chancengerechten Bildungspolitik beruht, die alle Kinder frühzeitig in ihrer individuellen Entwicklung und sozialen Situation unterstützt. Neben dem Elternhaus hat auch die Schule Einfluss auf notwendige Veränderungen traditioneller, geschlechterspezifischer Wertvorstellungen.
Schon seit Jahren wird das stereotype Rollenbild von Frauen und Männern in Frage gestellt, Mädchen wurden vermehrt gefördert, da man sie in ihrer Bildungssituation benachteiligt sah. Inzwischen müssen auch Jungen, wenngleich in anderer Weise, unterstützt werden. Eltern und Lehrende können zur Veränderung klischeehafter und diskriminierender Rollen und Denkmuster beitragen, wenn sie die bestehenden Genderstereotypen hinterfragen und sensibel damit umgehen.
Der Bayerische Landesfrauenrat sieht die Schule als wichtigen Ort zur Förderung einer gendergerechten Gesellschaft.


B. Aktuelle Situation

Die Berufswahl zeigt, dass Männer sich äußerst selten für das Grundschullehramt entscheiden. Kinder lernen in jungen Jahren deshalb fast ausschließlich Lehrerinnen kennen. Eine der Pisa-Studien beschreibt, dass Mädchen angeblich besser lesen, Jungen etwas besser Mathematik können, aber beide gleiche Leistungen in Naturwissenschaften zeigen. Mädchen wie Jungen sind zu Beginn der Grundschulzeit gleichermaßen neugierig und lernbegierig. Eine Veränderung wird also eher während der Schulzeit eintreten. Auch wenn Verallgemeinerungen nicht sinnvoll sind, kann man Tendenzen erkennen, z. B., dass Jungen schon früh lernen, sich im Wettbewerb zu behaupten und stark zu sein, während Mädchen eher in der Gruppe lernen und sich leichter anpassen.
Geschlechterspezifische Rollenbilder werden außerschulisch und in den Familien im frühen Kindesalter erlernt. Die Medien verstärken diese Rollenbilder noch, dass kleine Mädchen mit Vorliebe rosa Kleider tragen, mit Puppen spielen, sich Jungen mit Autos und technischem Spielzeug beschäftigen und in der Regel keine Schwäche zeigen dürfen.
Einflüsse auf das Genderverhalten haben auch kulturelle, religiöse und soziale Erziehungsmethoden sowie im außerfamiliären Bereich die Zugehörigkeit zu Peergruppen.
In der Schule können die vorab erworbenen Geschlechterrollen verstärkt oder verändert werden.
Das frühe Erlernen von traditionellen Rollenbildern bedeutet auch, dass sich diese in einer nachteiligen Entwicklung manifestieren. Männer bleiben den Sozialberufen, Frauen den MINT-Berufen immer noch fern; so entstehen soziale und ökonomische Ungleichheiten.

Typische Männerberufe finden höhere gesellschaftliche Anerkennung und werden besser
vergütet.
In der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung fehlen weitgehend Inhalte, die Genderkompetenz,
Sensibilität für Gendergerechtigkeit und entsprechendes Handlungswissen vermitteln, die
Lehrende dazu befähigen, einen chancengerechten Unterricht zu halten.2
Lehrerinnen und Lehrer sind wichtige Personen für eine gendergerechte Lernsituation. So wurde z. B. das Unterrichtsfach Erziehungskunde aus dem Lehrplan der damaligen Haupt-, heute Mittelschule, gestrichen, in dem eine Hinterfragung der traditionellen Rollenbilder und ihre Auswirkungen für die Gesellschaft diskutiert werden konnte. Es gibt Beobachtungen, dass in Schulen Geschlechterdifferenzen durch unterschiedliche Benotung von Jungen und Mädchen sowie durch eine männliche Sprache, durch einseitiges Bildmaterial in Schulbüchern aufrechterhalten und der Genderaspekt wenig oder gar nicht berücksichtigt werden. Auch in Schulbüchern und Curricula wird vornehmlich männlich geprägtes Wissen vermittelt, so dass Mädchen dadurch in ihren Interessen ausgegrenzt sind und auch in den  naturwissenschaftlichen Fächern zu kurz kommen.3 Hier besteht immer noch erheblicher Handlungsbedarf.

Am Gymnasium ist Mathematik für Mädchen eher kein bevorzugtes Unterrichtsfach, auch werden von ihnen selten Physik und Chemie als Wahlfach gewählt.
Es wird zu wenig auf individuelles Lernen, z. B. auf das Lerntempo eingegangen, der Bezug zum Geschlecht nicht berücksichtigt. Mädchen und Jungen haben oft unterschiedliche Denkansätze und Praxisbezug.4
Neuerdings wird auch wieder diskutiert, ob Koedukation an Gymnasien die richtige Schulform ist, um Bildungsgerechtigkeit herzustellen. Kritiker meinen, dass Koedukation die Geschlechterrollenstereotypen eher verstärkt, dass Mädchen weniger Aufmerksamkeit im Unterricht erfahren. Grundsätzlich soll die Koedukation beibehalten, müsste jedoch reflektiert werden, um differenzierte geschlechtergerechte Lernangebote zu entwickeln, z. B. nach dem
Konzept „Reflexive Koedukation“.
Geschlechterrollen haben noch immer zu viel Bedeutung und schüren eine Erwartungshaltung an Fähigkeiten, Einsatzbereitschaft und Interesse.


C. Fazit

Um in der Schule traditionelle Rollenbilder zu hinterfragen, müssen Lehrerinnen und Lehrer neben Handlungs- und Genderkompetenz und Sensibilität für geschlechterspezifisches Verhalten erwerben. Das Eingehen auf individuelle Lernbedürfnisse benötigt viel Zeit, die in gebundenen Ganztagsschulen am besten zur Verfügung steht. Unterrichtsformen, die im Sinn eines Gruppenunterrichtes, in Projektarbeit und mit lebensnahen Beispielen durchgeführt werden, bauen stereotypes Rollenverhalten ab. Schule muss Kindern auch Spaß machen und nicht nur in einen gegenseitigen Wettbewerb ausarten. Wenn unterschiedliche Interessen anerkannt und gegenseitig gefördert werden und auch Sozialverhalten vorurteilsfrei gewertet wird, können sich Mädchen und Jungen individuell entwickeln und starke Persönlichkeiten werden.
Die Schule ist ein wichtiger Lernort, Mädchen und Jungen für die zukünftige Arbeits- und Lebenswelt vorzubereiten, ihre Potentiale zu entwickeln und sie zu motivieren, lebenslang zu lernen.
Wenn Bildungsgerechtigkeit ein zentraler Auftrag für die Schulen ist, müssen im Lehrplan Unterrichtseinheiten vorgesehen sein, die das Thema Genderkompetenz und die Auswirkung auf die zukünftige Gesellschaft behandeln.

Gendersensibler Unterricht fördert die Kommunikationskompetenz zwischen Schülerinnen und Schülern und wertet die „soft skills“ auf, so dass die Benachteiligungen aus Geschlechterdifferenzen vermindert werden.5
Unsere Gesellschaft benötigt Frauen und Männer, die innovativ denken, in gemeinsamer Verantwortung die sozialen Aufgaben in Familie und Gesellschaft übernehmen und partnerschaftlich die Zukunft unseres Landes gestalten.


D. Forderungen

Der Bayerische Landesfrauenrat fordert das Thema Gendergerechtigkeit

  •  in das Studium aller Lehrämter aufzunehmen,
  •  in Lehrplänen fachübergreifend zu manifestieren,
  •  in Fortbildungsmaßnahmen für Lehrerinnen und Lehrer zu etablieren,
  •  in Schulbüchern und Arbeitsmaterialien zu überprüfen und zu verankern
  •  in einem Unterrichtsfach, z. B. „Alltags- und Lebensstrategie“, an allen allgemeinbildenden Schulen zu behandeln,
  •  in reflexiver Koedukation zu unterrichten,
  •  Eltern bewusst zu machen,
  •  durch genderkompetente Werbeaktionen in allen Medien zu etablieren, z. B. durch Plakataktionen und Filmspots.
     

1Renate Schüssler „Gender und Bildung“, Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) Nov. 2007, S. 7
2 Bildungskommission NRW 1995.S.32 Genderkompetenz als Schlüsselqualifikation.
3 Dorothea Krüger „Genderkompetenz und Schulwelten“, 2011
4 Petra Bollweg “Zur Bedeutung von Genderkompetenz in der Schule“, 2011/2012, Seminararbeit, Beleg-Nr. 250209
5 Silvia Kronberger, Erziehung und Unterricht 161, 2011 7/8, S. 689-694

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